Freitag, 12. April 2013

Ein Essen




Umgangssprachlich bezeichnet man mit dem Begriff ‘Essen’ die Nahrungsaufnahme schlechthin.

Belässt man es bei dieser Definition ist der Begriff ‘Essen’ schnell erklärt: auf oralem Weg, also über den Mund nimmt der Mensch Nahrung in flüssiger oder fester Form auf, die ihm energetisch und in der geeigneten Zusammensetzung die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und damit seines Lebens sichert.

Wie Nahrung beschaffen sein muss, damit es mit dem Leben kompatibel bleibt, lässt sich klar definieren, ich brauche eine bestimmte Menge an Energie, ungefähr 25 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht, eine bestimmte Menge an Eiweiß, Fetten, Kohlenhydraten, dazu Mineralien, Spurenelemente, Vitamine, gut ist ein Anteil von Ballaststoffen, dazu reichlich Wasser, alles bekannt, eigentlich kann es der Apotheker aus der Retorte zusammen mixen, niemand müsste umständlich Ernährung planen, Menüs zusammen stellen, Einkaufen gehen, Zeit einplanen, eine Küche vorhalten, das Essen vorbereiten, zubereiten, den Tisch decken, Essen einnehmen, Geschirr abräumen, abwaschen, wegräumen, die Tischwäsche reinigen, Krümel unter dem Tisch zusammenkehren usw. usw.

Es lässt sich theoretisch im Jahr 2013 rein pragmatisch reduzieren auf: Apotheker aufsuchen, Gewicht bestimmen, zusammenmixen, etwa im Plastebeutel, denn man dann nachdem man ihn entleert hat, einfach im Müll oder ‘am Straßenrand’ - sofern biologisch abbaubar - entsorgt.

Warum genau setzt sich der Mensch also vielfach dem Stress des ‘Essenmachens’ aus, ließe sich die Zeit doch mit einer ‘nützlicheren’, sprich gewinnbringenderen Tätigkeit viel besser nutzen? Ist demzufolge nicht der schnelle, typische ‘Ravioli-Büchsen-Öffner’ gegenüber der betulichen Köchin klar im Vorteil?

Ich behaupte: Essen ist mehr als die alleinige und mechanische Zufuhr von Nahrungsmitteln!

Beginnen wir schlicht und einfach bei der Biologie des Menschen.

Unsere Stellung im Leben, unser Überleben, unsere Lebensqualität wird wesentlich vermittelt und beeinflusst über unsere Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Ein Mensch, der seine Sinne ausleben kann, hat einen wesentlich höheren Grad an Lebensqualität, einer, der dagegen seine Sinne nicht fördert und fordert wird emotional verarmen, abstumpfen, eben auch nur noch ‘mechanisch’ leben.

Viele Grundnahrungsmittel vermitteln uns allein durch ihre Form eine Ästhetik, die Form eines Apfels, die strahlende Farbe einer Erdbeere, ein wohlgeformter Laib Brot, aber auch ein gut angerichtetes Essen auf einem ansprechend gedeckten Tisch vermitteln uns Schönheit - über das Sehen.

Der Geruchssinn begleitet uns schon während der Essenszubereitung, ich liebe den Geruch eines frisch geschälten Gemüses, die Aromen des Essens, den Duft von Gewürzen.

Der Geschmack bewertet nicht nur das fertige Ergebnis im Sinne eines sturen Qualitätskontrolleurs, sondern ist bereits während der Zubereitung ein wichtiges Hilfsmittel, gleichzeitig sichert er ebenso den Genuss, Liebe geht eben tatsächlich durch den Magen.

Ich mag während des Kochens aber auch auf das Hören nicht verzichten, das leichte, gleichmäßige Brutzeln eines Bratens, das leise Blubbern einer vor sich hin köchelnden Suppe, aber auch das mehr oder weniger emsige Schaben des Bestecks auf den Tellern, das mir eine Rückmeldung gibt zur Qualität des Essens. Mit einiger Übung können Sie mit verbundenen Augen allein an der Rhythmik des Essens erkennen, ob ihr Gericht bei den Essenden ankommt oder eben auch nicht.

Wenn sie im Zusammenhang mit Nahrung ihr Fühlen erleben wollen, empfehle ich ihnen, in Zeiten des Stresses immer ein kleines Säckchen mit Senfkörnern zur Hand zu haben. Strecken sie ihre hinein und fahren mit leicht kreisenden Bewegungen ihrer Hand durch die Körner, nie mehr werden sie sich nach irgendwelchen Beruhigungsmitteln sehnen. Aber auch eine al dente zubereitete Nudel, ein bissfestes Gemüse, eine auf den Punkt gegarte Kartoffel kann ‘ein Fest der Sinne ‘ sein.

Essen zubereiten hat aber nicht nur etwas mit den Sinnen zu tun, gemeinsam Kartoffeln schälen, Gemüse putzen, Kochen ist ein kommunikativer Vorgang, einmal begonnen muss man dran bleiben, niemand kann sich bei Strafe nichts-zu-Essen-zu-bekommen einfach dem Zusammensein entziehen, es muss gesprochen, wenn auch nicht ‘permanent gequatscht’ werden. Gemeinsames Kochen ist ein sozialer Prozess.

Ein gelungenes Essen wiederum gibt mir ein Gefühl der sozialen Bestätigung und nicht zuletzt oder besser noch vor allem erweise ich mir selbst die Reverenz, wenn ich mir so viel wert bin, um Zeit, Geld und Arbeit zu investieren, ‘nur’ um mir nicht allein die notwendige Nahrungsaufnahme, sondern ein ‘Fest meiner Sinne’ zu gönnen.

Denn warum und wer sollte mir etwas Gutes tun wollen, wenn ich nicht selbst dazu bereit bin?

Wir sehen uns dann in der Küche?!

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