Freitag, 12. April 2013

Der soziale Mittelpunkt ...




Über viele, viele Jahre war der soziale Mittelpunkt des Wohnbereichs der normalen Familien ganz einfach die Küche. Dort spielte sich fast alles ab, es wurde gekocht, gewohnt, teilweise gearbeitet, viele Familien ernährten sich gerade im ländlichen Bereich speziell in den Wintermonaten mit Heimarbeit, nicht selten wurde die Küche noch mit dem Vieh geteilt, sie war der Raum für die Körperhygiene und für die Wäsche. Sie war Lagerort und diente häufig in der Nacht als Schlafplatz.

Die Küche war schlicht und einfach der soziale Mittelpunkt des Hauses, dort wurde geschwiegen, gesprochen, es wurde vielleicht auch gesungen, ganz sicher aber gelacht und geweint, es wurden Dinge besprochen oder gestritten.

Noch bei meiner Großmutter spielte sich das tägliche Leben in der Küche ab, ihre Wohnung, das war neben der Küche nur ein Raum, die Schlafstube, das Klosett auf halber Treppe und die Wohnküche - halb Küche, halb gute Stube.

Die Küche bestand aus einem gusseisernen, verzierten Waschbecken, sie nannte es Spülstein, an der Wand festgeschraubt, einem Abwaschtisch mit einem Schubkasten, in den eine Emailschüssel eingelassen war, unter dem Schubkasten war ein Vorhang befestigt, hinter dem die Töpfe und Schüsseln standen, ein Küchenbuffett, welches wohl das Glanzstück der Küche war, sehr kleinteilig, vorbereitet zur Aufnahme der wenigen vorrätig gehaltenen Lebensmittel, einige Teller, einige Tassen, ein kleiner Kasten für Besteck, ein hölzerner Brotkasten, mehrere Porzellangefäße mit Schraubdeckel für Mehl, Zucker, Malzkaffee, beschriftet in altdeutscher Schrift.

Der Abwaschtisch diente zur Zubereitung des Essens, gleichzeitig zum Essen, der Großvater saß dort und las die Zeitung, drei einfache Stühle boten Platz, die Oma arbeitete oder strikte dort und wenn Enkelkinder da waren spielten wir noch in dem Raum.

Das heißt, die Beschreibung war unkorrekt. Wir durften lediglich die Küchenseite des Raumes zum Spielen, später für die Schulaufgaben benutzen, die andere Hälfte war tabu - das war die ‘Gute Stube’ und die wurde nur zu Feiertagen betreten.

Also, es konnte durchaus sein, dass ich am Küchentisch saß, Hausaufgaben erledigte und gleichzeitig die Oma am gleichen Tisch Kartoffeln schälte und der Großvater Zeitung las oder etwas reparierte, alles auf kleinstem Raum.

Und - es wurde gesprochen, praktisch ununterbrochen wurde verbal und nonverbal kommuniziert, wir lernten aus den Gesprächen der Großeltern, wurden einbezogen, sprachen selbst, wir erfassten automatisch die normalen Tätigkeiten des Lebens, die Hausarbeiten der Oma, schnappten Fetzen auf, wenn der Großvater Dinge aus der Zeitung vorlas, unterhielten uns untereinander - hatten Stimme.

Wir lernten die Mimik und Gestik der Erwachsenen kennen und deuten, nicht dargeboten, sondern ganz einfach im normalen Leben, wir erfassten ihre Körpersprache und wußten, dass wir spätestens dann Reissaus nehmen mußten, wenn sich an den Schläfen des Großvaters die Blutgefäße abzeichneten und seine Glatze sich langsam rot färbte.

Wir sprachen mit der Großmutter, wenn sie mit dem Rücken zu uns an ihrem Spülstein stand und arbeitete ... die Küche war Wohnort, Kommunikationsort der soziale Mittelpunkt und wir erwarben dort als Kinder unsere soziale Kompetenz.

Heute gibt es komplette Wohnungen, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad Toilette, Arbeitszimmer, Balkon, wenn es geht noch eine Terrasse oder ein Wintergarten, letzteres wenig genutzt, aber ‘man hat es halt’ und zeigt es auch. Ja, und es gibt auch noch einen Raum, in dem mehr oder weniger höchstmoderne Geräte stehen, meist sehr gut aufgeräumt, die wenigsten davon braucht man tatsächlich, am Besten alle Teile hochglanzpoliert, Edelstahl, ein Radio, ein Küchenfernseher, es wird schnell und effizient Essen zubereitet, deren Herstellung wird - sofern Publikum vorhanden ist - zelebriert, der interpersonelle gesellschaftliche Wettbewerb hat auch in die Küchen Einzug gehalten.

Allerdings gewohnt und kommuniziert wird dort nicht mehr oder zumindest viel seltener als früher. Idealerweise ist die Mutter in der Küche, der Vater im Wohnzimmer, die Kinder - sofern es sie überhaupt gibt - vor dem Computer oder dem Fernseher in ihren jeweils eigenen Zimmern, die Großeltern sind weit, nur selten vor Ort.

Die Auswirkungen sind fatal: Ungefähr jedes vierte Kind lernt in Deutschland nicht mehr ‘einfach so’ in der Familie zu sprechen, sondern lernt Sprache ‘fremd’, nämlich beim Logopäden und dies nur, weil in den Familien viel zu wenig gesprochen wird.

Gut, wichtig, wie wir jetzt lernen sogar unersetzlich ist es in den Familien wieder einen sozialen Mittelpunkt zu haben, wie es ganz konkret die Küche meiner Großmutter war.

Dazu gehört natürlich auch die Kücheneinrichtung, mehr aber noch die Bereitschaft, sie zum Mittelpunkt des Familienlebens zu machen.

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