Freitag, 19. April 2013

100 Minuten Qual ... oder die täglichen Leiden





München Hauptbahnhof:

… im letzten Moment war ich mit dem Taxi angekommen, fast rennend, ICE nach Hamburg? Ein unsicherer Blick über den gelben Fahrplan, Bahnsteig 18, hastend, ein weißer Zug mit roten Streifen, eine offene Tür, vor dem Zugführer springe ich durch die Tür, bevor sich der Zug ganz sacht in Bewegung setzt ... geschafft!

Platzkarte suchen, natürlich ganz unten in der übervollen, unordentlichen Tasche, seltsamerweise der richtige Wagen, Platz 36 - warum suche ich eigentlich die Platzkarte, der Wagen ist fast leer? Egal …

Eine Doppelbank, Platz Nummer 36, dazwischen ein Tisch, dahinter eine Frau, vielleicht Mitte dreißig, sie ist schwer zu schätzen, sehr dick, der Tisch schon von ihr vollgepackt mit Tüten und Flaschen.

Ein flüchtiger Gruß, sie scheint ihn und mich kaum wahrzunehmen, hantiert mit Kopfhörern und ist zwischendurch mit dem Sortieren ihrer Tüten beschäftigt.

Irgendwie fühle ich mich eingeengt, ich weiß nicht ob von ihr und ihren Tüten oder vom Streß des zu Ende gehenden Tages, auf jeden Fall habe ich das Gefühl gegen die massige Frau, die mir gegenüber fast zwei Sitzplätze einnimmt, mein Terrain verteidigen zu müssen.

Ich greife ohne hinzusehen nach meiner Tasche, spüre Zeitschriften, ziehe sie heraus, GEO, die MAX, auf dem Cover eine sehr attraktive Frau, lege ich absichtlich obenauf, Schadenfreude verspürend, und ich versäume nicht vorher ihre Tüten auf dem gemeinsamen Tisch behutsam, „man ist ja höflich“, aber auch betont zusammen zu schieben. Ich ernte, wie erhofft, einen vorwurfsvollen Blick … und freue mich darüber.


München Pasing, Fahrzeit 6 Minuten, kurzer Halt, niemand steigt ein, das Drama beginnt.

Die Kopfhörer auf den Ohren greift sie zur ersten Tüte, eine braune Tüte, groß mit dem Aufdruck eines Bäckers, ein Griff, die Hand verschwindet in einer schier unendlichen Tiefe, als sie endlich wieder auftaucht hält sie ein großes Baguette wie in einer eisernen Klaue fest.

Ein heller Teig, groß, gut belegt, ich sehe Käse, Schinken, die Stärke des Belages konkurriert erkennbar mit der Dicke der Semmel, der Schinken und Käse gewinnen, nicht allein durch das Salatblatt welches komplettierend an den Seiten heraussteht. Schätzungsweise vier ausgesprochen kräftige, geradezu harmonisch anmutende  Bisse, das Riesenbaguette scheint sich zwischen den geschmeidigen Bewegungen ihres Kiefers fließend aufzulösen. Ein Griff zu einer großen Cola-Flasche, ein Riesenschluck, der einem Ertrinkenden alle Ehre machen würde … eine Bewegung mit dem Handrücken über den Mund, sie ist fertig mit ihrem Abendmahl …

… die Bewegung der Hand geht fließend vom Mund weg, hin zur nächsten Tüte mit dem Logo einer großen Fast-Food-Kette, sie zieht sie auf, fährt hinein, wie der Blitz im Gewitter, sie arbeitet und kommt heraus mit einem kleineren Behältnis, dem sie kleine gebratene Fleischteile mit erneut schnellen Bewegungen entnimmt. Später erfahre ich, dass es frittierte Geflügelteile sind, 12 mal findet die Hand den Weg zum Mund, gleichmäßig, ohne hastig zu sein, sichtlich gewohnte Bewegungen, die Training verraten, noch ein kräftiger Schluck aus der Cola-Flasche.

Hastiges Zerdrücken des leeren Kartons, die Bewegungen wirken jetzt hektisch, ungeduldig, nichts mehr von der zeitlosen Eleganz des Essens, die Hände gehen in Ruhestellung, unschuldig gefaltet liegen sie auf einem runden Bauch.


Bahnhof Augsburg, Fuggerstadt, Fahrzeit 40 Minuten, Einfahrt in den Bahnhof, 8 Minuten Verspätung werden angesagt, niemand steigt in unser Abteil ein.

Die Räder rollen wieder, die Hände erwachen aus ihrem kurzen Schlaf, der Griff zur Bäckertüte, ein neues Baguette, diesmal noch etwas kräftiger belegt, auch mit Ei und irgendeiner Sauce. Die Zähne fahren kraftvoll am oberen Ende hinein, die Sauce unten heraus, der Schwerkraft folgend auf ihre Hose, sie zeigt menschliche Größe und ignoriert es.

Die Bisse werden etwas kleiner, sechs mal gilt es zuzubeißen und das Schicksal der großen Semmel samt Inhalt ist besiegelt, ein kurzes Schnaufen, die obligate Cola-Flasche, diesmal schon zur Hälfte gelehrt.

Sie greift zu einem Buch, ich hatte den Titel kurz vorher auf der Bestsellerliste eines großen Wochenmagazins gelesen, wer auch immer festlegen mag, was in Deutschland ein Bestseller zu sein hat.

Plötzlich, ich weiß nicht woher, kommt mir ein angeblich alter Spruch in den Sinn: „Ein voller Bauch studiert nicht gern“, sie scheint es zu können – alle Achtung.

Der Zug wird langsamer, hält auf freier Strecke kurz an, ihr Blick hebt sich vom Buch, richtet sich fragend auf das Abteilfenster, vor dem es dunkel ist, und von dort ein neues Ziel suchend nicht auf das Buch zurück sondern auf die Tüte der großen Fast-Food-Kette.

Wie ein Blitz leuchtet es in ihren Augen auf, als die fleischige Hand erneut in dem Behältnis verschwindet und wieder erscheint mit einem gigantischen Stück aus rundem Brötchen, geteilt durch einen Fleischklops, Käse, Tomate, Salat und verfeinert wiederum mit einer Flüssigkeit nicht zu definierender Farbe.

Es schaudert mich, die Erwartung eines erneuten Widerstandes gegen den gnadenlos zubeißenden Mund in Form einer aus dem Brötchen spritzenden und die Peinigerin beschmutzenden Brühe wird leider enttäuscht, das Gebilde ergibt sich scheinbar willenlos seiner Eliminierung.

Nach dem letzten Biß noch einen deftigen Schluck aus der inzwischen sichtbar leichteren Cola-Flasche, ein dumpfes Gluckern, sie ist leer. Ein zufriedenes Gesicht, ein Durchsage, dass der Zug in wenigen Minuten in Nürnberg einfährt.


Nürnberg, Fahrzeit  100 min: der Zug hält, das Drama endet.

Sie steht auf, nimmt ihre Tasche, packt die Köpfhörer ein, zurück bleiben auf dem Tisch vor mir leere und damit sinnlose Tüten und eine große ebenfalls inhaltslose Cola-Flasche, 1,5 Liter.

Der Wagen scheint sich zu bedanken, als sie den Zug verlässt und ich habe das Gefühl, dass er sich einige Zentimeter nach oben hebt.

Ich fühle mich schlecht, weil ich ihr fröhliches, zufriedenes und sattes „Auf Wiedersehen“ nicht erwidern konnte, der Speichel wäre mir aus dem Mund geflossen – ich habe seit Mittag nichts mehr gegessen.



Freitag, 12. April 2013

Die Vitamin-Story ... ein Segen für manche Ärzte, den Apotheker und die Hersteller




Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Pharmaindustrie nicht über die Medien, in der Werbung, in scheinbar seriös anmutenden Beiträgen, in Specials und sonstigen Formen auf uns einredet, dass die regelmäßige Einnahme von Vitaminpillen, Spurenelementen, Mineralstoffen oder Nahrungsergänzungen unumgänlich wäre, um unsere Gesundheit zu erhalten, Krankheiten zu vermeiden oder auch in ganz extremen Fällen sogar Krankheiten zu heilen.

Es wird uns vermittelt, dass unsere Nahrungsmittel minderwertig wären, nicht mehr genügend essentielle, das heißt lebenswichtige Bestandteile enthielten und demzufolge drohende Mängel durch Zufuhr von Pillen, Pulvern, Kapseln usw. geradezu zwingend ausgeglichen werden müßten.

Ansonsten drohten Mangelerscheinungen bis hin zu schweren Erkrankungen. 

In den USA beispielsweise zeigt dies deutliche Wirkung, ungefähr die Hälfte der Bevölkerung nimmt dort Vitaminpillen. Die deutsche Bevölkerung ist in dieser Beziehung offensichtlich deutlich widerstandsfähiger, glaubt doch nach einer Befragung, die der SPIEGEL vor einiger Zeit veröffentlicht hat, nur ca. ein Viertel der Befragten daran, dass Vitamine in Tabletten oder Pulverform für die Gesundheit "eher nützlich" wären, ein etwa gleichgroßer Anteil hält sie für "eher schädlich", rund die Hälfte sieht die Dinge "ohne Auswirkungen auf die Gesundheit" - das läßt hoffen.

Ein großer Vitaminhersteller bewirbt neuerdings sogar Vitaminpräparate, getrennt nach Frauen für Frauenund Männern für Männer, weil diese Dinge "natürlich" bei den Geschlechtern auch unterschiedlich gewertet werden müßten.





Sieht man sich die Situation ganz sachlich und fernab des Getöns der Pharmaindustrie an, was bleibt von der aufgebauten Drohkulisse "Mangelkrankheiten"?



Natürlich gab es früher, sagen wir in der vorindustriellen Zeit auch Vitamin - Mangelerscheinungen bis hin zu manifesten Krankheiten.

Die Abbildung zeigt einige alte Krankheitsbilder, die wir heute in Deutschland praktisch nicht mehr sehen. Fast kein Arzt in Deutschland wird einen Patienten mit Scorbut, Beri-Beri oder Rachitis jemals auch nur zu Gesicht bekommen, geschweige denn behandelt haben.

In der klinischen Praxis spielen manifeste Vitaminmangelzustände keine Rolle! 


Behauptung: Die Ernährung ist minderwertig, deshalb muß substituiert werden!

Besonders unter den Grünen ist die Annahme verbreitet und wird z.T. militant vertreten, dass unsere normalen Lebensmittel weniger Vitamine und Nährstoffe enthielten als früher, die Qualität wäre also schlechter. Das Bundesinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe belegt stattdessen, dass durch die gezielte Düngung unserer landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen allein schon der Boden viel nähstoffreicher ist, als früher, Untersuchungen mit "industriell gefertigten" Nahrungsmitteln zeigen: Unsere Ernährung enthält alle notwendigen Dinge.

Bei "normaler" Supermarkternährung nehmen heute die meisten Menschen zwischen 100 bis 200 % der empfohlenen Tagesmenge an Vitaminen auf, dies betrifft alle Vitamine außer Vitamin D, hier produziert aber unser Körper selbst die notwendige Menge, vorausgesetzt, wir halten uns täglich um die 15 Minuten - ohne Sonnencreme - im Freien auf.

Eine zusätzliche Einnahme von Vitaminen ist also nicht notwendig.

Zwei Ausnahmen von dieser Regel sind zu nennen: das sind kleine Kinder bis zur Vollendung des 1. Lebensjahres, die eine Rachtisprophylaxe in Form von Vitamin D erhalten sollten und alte Menschen, die immobil sind, etwa in Pflegeeinrichtungen und die vielfach täglich nicht die geforderte Zeit von mindestens 15 Minuten im Freien zubringen.

Fazit: Unsere normale Supermarkt-Ernährung sichert uns eine ausreichende Zufuhr an Vitaminen, Substitution ist überflüssig!


Frage: Mein Hausarzt führt regelmäßig Serumspiegelbestimmungen von Vitaminen und Mineralstoffen durch, warum zahlt das meine Krankenkasse nicht?

Sie brauchen weder den Hausarzt wechseln, wenn er ihnen diese Dinge nicht anbietet,  noch die Krankenkassen, wenn diese die anfallenden Kosten nicht übernimmt.

Für den gesunden Menschen sind diese Untersuchungen schlichtweg überflüssig., wenn auch gern empfohlen - sie generieren den Labors und Praxen natürlich Umsatz.


 Und trotzdem: 


Nach den Ergebnissen der "Nationalen Verzehrstudie II", die die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen breitflächig erfaßt, nehmen beispielsweise rund 2,5 Millionen Menschen zwischen 14 und 80 Jahren Vitamin-D-Präparate ein. Der gleiche Effekt ist u.a. z u erzielen mit einem Stück Fisch, 3 Eiern, 100 g. Margarine.

Rund 5,8 Millionen nehmen Vitamin E Präparate. der tägliche Bedarf liegt für einen Menschen bei max. 15 Milligramm, die nehme nsie etwa locker auf, wenn sie ihrem Essen zwei Löffel Sonneblumenöl oder 90 g. Margarine zugeben, sie können auch abends 50 g. Nüsse knabbern und gut ist es!

Rund 5 Millionen nehmen Vitamin B-Präparate - auch hier reicht unsere normale Ernährung völlig aus.

Fassen wir das heutige Wissen zusammen:

Für gesunde Menschen gibt es nur wenige Gründe zur Substitution von Vitaminen und sonstigen Dingen:

A) schwangere Frauen - hier ist die Gabe von Folsäure angezeigt.
B) Säuglinge bis zu einem Jahr und Alten- und Pflegeheimbewohner.


Alles andere ist in der Tat rausgeschmissenens Geld und schadet möglicherweise sogar dem Organismus.

Darauf und auf die Situation bei chronisch kranken Menschen gehe ich in den nächsten Posts ein.

Für heute: Laßt Euch nicht betrügen, haltet die Hände fern von Vitaminpillen und eure Geldbeutel geschlossen - geht in den Supermarkt, kauft euch normale Nahrungsmittel, nutzt eure Küche und bereitet euch selbst ein schmackhaftes Essen zu. Das macht Sinn!


Ein Essen




Umgangssprachlich bezeichnet man mit dem Begriff ‘Essen’ die Nahrungsaufnahme schlechthin.

Belässt man es bei dieser Definition ist der Begriff ‘Essen’ schnell erklärt: auf oralem Weg, also über den Mund nimmt der Mensch Nahrung in flüssiger oder fester Form auf, die ihm energetisch und in der geeigneten Zusammensetzung die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und damit seines Lebens sichert.

Wie Nahrung beschaffen sein muss, damit es mit dem Leben kompatibel bleibt, lässt sich klar definieren, ich brauche eine bestimmte Menge an Energie, ungefähr 25 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht, eine bestimmte Menge an Eiweiß, Fetten, Kohlenhydraten, dazu Mineralien, Spurenelemente, Vitamine, gut ist ein Anteil von Ballaststoffen, dazu reichlich Wasser, alles bekannt, eigentlich kann es der Apotheker aus der Retorte zusammen mixen, niemand müsste umständlich Ernährung planen, Menüs zusammen stellen, Einkaufen gehen, Zeit einplanen, eine Küche vorhalten, das Essen vorbereiten, zubereiten, den Tisch decken, Essen einnehmen, Geschirr abräumen, abwaschen, wegräumen, die Tischwäsche reinigen, Krümel unter dem Tisch zusammenkehren usw. usw.

Es lässt sich theoretisch im Jahr 2013 rein pragmatisch reduzieren auf: Apotheker aufsuchen, Gewicht bestimmen, zusammenmixen, etwa im Plastebeutel, denn man dann nachdem man ihn entleert hat, einfach im Müll oder ‘am Straßenrand’ - sofern biologisch abbaubar - entsorgt.

Warum genau setzt sich der Mensch also vielfach dem Stress des ‘Essenmachens’ aus, ließe sich die Zeit doch mit einer ‘nützlicheren’, sprich gewinnbringenderen Tätigkeit viel besser nutzen? Ist demzufolge nicht der schnelle, typische ‘Ravioli-Büchsen-Öffner’ gegenüber der betulichen Köchin klar im Vorteil?

Ich behaupte: Essen ist mehr als die alleinige und mechanische Zufuhr von Nahrungsmitteln!

Beginnen wir schlicht und einfach bei der Biologie des Menschen.

Unsere Stellung im Leben, unser Überleben, unsere Lebensqualität wird wesentlich vermittelt und beeinflusst über unsere Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Ein Mensch, der seine Sinne ausleben kann, hat einen wesentlich höheren Grad an Lebensqualität, einer, der dagegen seine Sinne nicht fördert und fordert wird emotional verarmen, abstumpfen, eben auch nur noch ‘mechanisch’ leben.

Viele Grundnahrungsmittel vermitteln uns allein durch ihre Form eine Ästhetik, die Form eines Apfels, die strahlende Farbe einer Erdbeere, ein wohlgeformter Laib Brot, aber auch ein gut angerichtetes Essen auf einem ansprechend gedeckten Tisch vermitteln uns Schönheit - über das Sehen.

Der Geruchssinn begleitet uns schon während der Essenszubereitung, ich liebe den Geruch eines frisch geschälten Gemüses, die Aromen des Essens, den Duft von Gewürzen.

Der Geschmack bewertet nicht nur das fertige Ergebnis im Sinne eines sturen Qualitätskontrolleurs, sondern ist bereits während der Zubereitung ein wichtiges Hilfsmittel, gleichzeitig sichert er ebenso den Genuss, Liebe geht eben tatsächlich durch den Magen.

Ich mag während des Kochens aber auch auf das Hören nicht verzichten, das leichte, gleichmäßige Brutzeln eines Bratens, das leise Blubbern einer vor sich hin köchelnden Suppe, aber auch das mehr oder weniger emsige Schaben des Bestecks auf den Tellern, das mir eine Rückmeldung gibt zur Qualität des Essens. Mit einiger Übung können Sie mit verbundenen Augen allein an der Rhythmik des Essens erkennen, ob ihr Gericht bei den Essenden ankommt oder eben auch nicht.

Wenn sie im Zusammenhang mit Nahrung ihr Fühlen erleben wollen, empfehle ich ihnen, in Zeiten des Stresses immer ein kleines Säckchen mit Senfkörnern zur Hand zu haben. Strecken sie ihre hinein und fahren mit leicht kreisenden Bewegungen ihrer Hand durch die Körner, nie mehr werden sie sich nach irgendwelchen Beruhigungsmitteln sehnen. Aber auch eine al dente zubereitete Nudel, ein bissfestes Gemüse, eine auf den Punkt gegarte Kartoffel kann ‘ein Fest der Sinne ‘ sein.

Essen zubereiten hat aber nicht nur etwas mit den Sinnen zu tun, gemeinsam Kartoffeln schälen, Gemüse putzen, Kochen ist ein kommunikativer Vorgang, einmal begonnen muss man dran bleiben, niemand kann sich bei Strafe nichts-zu-Essen-zu-bekommen einfach dem Zusammensein entziehen, es muss gesprochen, wenn auch nicht ‘permanent gequatscht’ werden. Gemeinsames Kochen ist ein sozialer Prozess.

Ein gelungenes Essen wiederum gibt mir ein Gefühl der sozialen Bestätigung und nicht zuletzt oder besser noch vor allem erweise ich mir selbst die Reverenz, wenn ich mir so viel wert bin, um Zeit, Geld und Arbeit zu investieren, ‘nur’ um mir nicht allein die notwendige Nahrungsaufnahme, sondern ein ‘Fest meiner Sinne’ zu gönnen.

Denn warum und wer sollte mir etwas Gutes tun wollen, wenn ich nicht selbst dazu bereit bin?

Wir sehen uns dann in der Küche?!

Der soziale Mittelpunkt ...




Über viele, viele Jahre war der soziale Mittelpunkt des Wohnbereichs der normalen Familien ganz einfach die Küche. Dort spielte sich fast alles ab, es wurde gekocht, gewohnt, teilweise gearbeitet, viele Familien ernährten sich gerade im ländlichen Bereich speziell in den Wintermonaten mit Heimarbeit, nicht selten wurde die Küche noch mit dem Vieh geteilt, sie war der Raum für die Körperhygiene und für die Wäsche. Sie war Lagerort und diente häufig in der Nacht als Schlafplatz.

Die Küche war schlicht und einfach der soziale Mittelpunkt des Hauses, dort wurde geschwiegen, gesprochen, es wurde vielleicht auch gesungen, ganz sicher aber gelacht und geweint, es wurden Dinge besprochen oder gestritten.

Noch bei meiner Großmutter spielte sich das tägliche Leben in der Küche ab, ihre Wohnung, das war neben der Küche nur ein Raum, die Schlafstube, das Klosett auf halber Treppe und die Wohnküche - halb Küche, halb gute Stube.

Die Küche bestand aus einem gusseisernen, verzierten Waschbecken, sie nannte es Spülstein, an der Wand festgeschraubt, einem Abwaschtisch mit einem Schubkasten, in den eine Emailschüssel eingelassen war, unter dem Schubkasten war ein Vorhang befestigt, hinter dem die Töpfe und Schüsseln standen, ein Küchenbuffett, welches wohl das Glanzstück der Küche war, sehr kleinteilig, vorbereitet zur Aufnahme der wenigen vorrätig gehaltenen Lebensmittel, einige Teller, einige Tassen, ein kleiner Kasten für Besteck, ein hölzerner Brotkasten, mehrere Porzellangefäße mit Schraubdeckel für Mehl, Zucker, Malzkaffee, beschriftet in altdeutscher Schrift.

Der Abwaschtisch diente zur Zubereitung des Essens, gleichzeitig zum Essen, der Großvater saß dort und las die Zeitung, drei einfache Stühle boten Platz, die Oma arbeitete oder strikte dort und wenn Enkelkinder da waren spielten wir noch in dem Raum.

Das heißt, die Beschreibung war unkorrekt. Wir durften lediglich die Küchenseite des Raumes zum Spielen, später für die Schulaufgaben benutzen, die andere Hälfte war tabu - das war die ‘Gute Stube’ und die wurde nur zu Feiertagen betreten.

Also, es konnte durchaus sein, dass ich am Küchentisch saß, Hausaufgaben erledigte und gleichzeitig die Oma am gleichen Tisch Kartoffeln schälte und der Großvater Zeitung las oder etwas reparierte, alles auf kleinstem Raum.

Und - es wurde gesprochen, praktisch ununterbrochen wurde verbal und nonverbal kommuniziert, wir lernten aus den Gesprächen der Großeltern, wurden einbezogen, sprachen selbst, wir erfassten automatisch die normalen Tätigkeiten des Lebens, die Hausarbeiten der Oma, schnappten Fetzen auf, wenn der Großvater Dinge aus der Zeitung vorlas, unterhielten uns untereinander - hatten Stimme.

Wir lernten die Mimik und Gestik der Erwachsenen kennen und deuten, nicht dargeboten, sondern ganz einfach im normalen Leben, wir erfassten ihre Körpersprache und wußten, dass wir spätestens dann Reissaus nehmen mußten, wenn sich an den Schläfen des Großvaters die Blutgefäße abzeichneten und seine Glatze sich langsam rot färbte.

Wir sprachen mit der Großmutter, wenn sie mit dem Rücken zu uns an ihrem Spülstein stand und arbeitete ... die Küche war Wohnort, Kommunikationsort der soziale Mittelpunkt und wir erwarben dort als Kinder unsere soziale Kompetenz.

Heute gibt es komplette Wohnungen, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Bad Toilette, Arbeitszimmer, Balkon, wenn es geht noch eine Terrasse oder ein Wintergarten, letzteres wenig genutzt, aber ‘man hat es halt’ und zeigt es auch. Ja, und es gibt auch noch einen Raum, in dem mehr oder weniger höchstmoderne Geräte stehen, meist sehr gut aufgeräumt, die wenigsten davon braucht man tatsächlich, am Besten alle Teile hochglanzpoliert, Edelstahl, ein Radio, ein Küchenfernseher, es wird schnell und effizient Essen zubereitet, deren Herstellung wird - sofern Publikum vorhanden ist - zelebriert, der interpersonelle gesellschaftliche Wettbewerb hat auch in die Küchen Einzug gehalten.

Allerdings gewohnt und kommuniziert wird dort nicht mehr oder zumindest viel seltener als früher. Idealerweise ist die Mutter in der Küche, der Vater im Wohnzimmer, die Kinder - sofern es sie überhaupt gibt - vor dem Computer oder dem Fernseher in ihren jeweils eigenen Zimmern, die Großeltern sind weit, nur selten vor Ort.

Die Auswirkungen sind fatal: Ungefähr jedes vierte Kind lernt in Deutschland nicht mehr ‘einfach so’ in der Familie zu sprechen, sondern lernt Sprache ‘fremd’, nämlich beim Logopäden und dies nur, weil in den Familien viel zu wenig gesprochen wird.

Gut, wichtig, wie wir jetzt lernen sogar unersetzlich ist es in den Familien wieder einen sozialen Mittelpunkt zu haben, wie es ganz konkret die Küche meiner Großmutter war.

Dazu gehört natürlich auch die Kücheneinrichtung, mehr aber noch die Bereitschaft, sie zum Mittelpunkt des Familienlebens zu machen.

Apotheke, Reformhaus oder die eigene Küche


Apotheke, Reformhaus oder die eigene Küche?

Grundlagen der modernen Ernährung


Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt, geht man davon aus sollten die basalsten Dinge des Lebens für alle Menschen ungehindert zugänglich sein, Wohnung, Kleidung, Nahrung und Arbeit.

Materiell scheint das auch gesichert, verfügt doch praktisch jeder Mensch über ein Grundeinkommen.
Glaubt man den fast täglichen Darstellungen in unseren Medien, ist die Ernährung im Deutschland des Jahres 2013 die blanke Katastrophe.

Wir finden skizziert, dass die Nahrungsmittel, die wir im Supermarkt kaufen können, unsäglich belastet, minderwertig, nicht mit genügend Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen versehen wären, dass das Fleisch antibiotikaverseucht und Obst und Gemüse gentechnisch manipuliert und nicht biologisch korrekt wäre.

Wir hören und sehen Werbung für biologische Lebensmittel, bekommen Empfehlungen uns mit Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen aus der Apotheke und dem Reformhaus zu versorgen, inzwischen schon getrennt in unterschiedliche Empfehlungen für Frauen und Männer, wie es etwa ein großer Anbieter von Vitaminpräparaten tut.

Hinter diesen Empfehlungen, die schon bald ultimativen Charakter annehmen, steht offen oder versteckt die Drohung, wer sich dem Ganzen verschließe, habe früher oder später mit übelsten Schäden für Körper, Gesundheit und Geist, im Extremfall bis hin zum Tod zu rechnen.

Ich höre in meiner ärztlichen Praxis praktisch täglich, dass meine Patienten diese und jene Nahrungsmittel nicht vertragen würden, höre von Allergien, erfahre von ‘Unverträglichkeiten’ gegenüber Milchzucker, neuerdings immer häufiger auch gegen Fruchtzucker, lese die Anzeigen irgendwelcher Labore, die mit ihren Tests auf alle diese Dinge werben, sehr ‘gutes’ Geld damit verdienen und letztendlich die Betroffenen weiter verunsichern.

Viele Menschen erliegen den Informationen der Medien, Folge ist, dass große Summen an Geld für Bioprodukte, Nahrungsergänzungen, Vitaminpräparate und andere Dinge ausgegeben, jeden Tag tonnenweise Wasser in Flaschen durch die Gegend getragen und von vielen Menschen ängstlich nach angenommenen Nahrungsmittelunverträglichkeiten und - allergien geforscht wird.

Im Endeffekt muss man sagen, ja, wir ernähren uns ungesund, aber nicht weil wir schlechte Nahrungsmittel haben, sondern weil wir so sind, wie wir sind, im Folgenden wollen wir uns die Dinge näher und kritisch ansehen.